Stellungnahme

Im Laufe des Schreibprozesses des Artikels informierte eine der am Projekt mitarbeitenden Personen den Rest der Gruppe über ihre Täterschaft von sexualisierter Gewalt.1 Dies stellte uns vor die Frage, wie wir verantwortungsvoll mit der Situation umgehen können.

Uns ist es wichtig, auch in wissenschaftlichen Arbeitskontexten mit Täterschaften sexualisierter Gewalt an einem verantwortungsvollen und transparenten Umgang zu arbeiten, um kein „business as usual“ zu reproduzieren. Wie können wir unsere Auseinandersetzung mit der Täterschaft transparent machen? Und wie können wir in unserer Situation an einem verantwortungsvollen Umgang arbeiten? 

Die Täterschaft wurde ca. sechs Monate vor Veröffentlichung des Artikels in die Gruppe getragen. Da Einzelpersonen innerhalb der Gruppe starke emotionale Belastungen durch die Präsenz der Thematik erlebten und sich die Gruppe in Arbeitsprozessen mit festen Abgabgefristen befand, wurde die Thematik abseits von Einzelgesprächen erst kurz vor der Verschriftlichung des Artikels wieder kollektiv thematisiert. In Bezug auf die Veröffentlichung kristallisierten sich folgende drei Optionen heraus: Den Prozess der Veröffentlichung komplett abzubrechen, die Veröffentlichung nur mit einem Teil der Gruppenmitglieder weiterzuverfolgen oder unter einem Pseudonym zu veröffentlichen.
Die ersten beiden Optionen sind für uns nicht mit einem verantwortungsvollen Umgang mit dieser Thematik vereinbar. Einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Auftreten von sexualisierter Gewalt erfordert in unserem Verständnis Betroffenenbedürfnisse ernstzunehmen und zu berücksichtigen, Transparenz herzustellen und Unsichtbarmachungen zu verhindern, „Business as usual“ zu unterbrechen, vermeidendem Verhalten entgegenzuwirken und eine kontinuierliche, kollektive, profeministische und männlichkeitskritische Auseinandersetzung anzustoßen und/oder aufrechtzuerhalten.

Wir haben uns für eine Sichtbarmachung unserer Auseinandersetzung in Form dieses Statements unter einem Pseudonym entschieden, weil wir die Unsichtbarmachung sexualisierter Gewalt als Teil des Problems struktureller Gewaltverhältnisse verstehen. Auch innerhalb von wissenschaftlichen Betrieben, die sich als kritische und emanzipatorische Wissensorte verstehen, sind Menschen, die sexualisierte Gewalt ausüben, in machtvollen Positionen. Fälle von Sexismus und sexualisierter Gewalt werden nicht ausreichend aufgearbeitet und gerade in akademischen Kontexten wird nicht genug über Permanenz und Kontinuitäten sexualisierter Gewalt gesprochen und so findet ein Verschweigen dieser Situationen und deren Effekte auf Forschungsgruppen und -zusammenhänge statt.

Wenn wir die Veröffentlichung einfach abgebrochen hätten, hätten wir die zerstörerischen Dynamiken sexualisierter Gewalt unsichtbar gemacht und uns zusätzlich der Kritik an unserem Umgang mit der Täterschaft entzogen. Durch eine Veröffentlichung unter den Namen von einem Teil der Gruppe hätten wir zwar den Versuch unternommen, nicht einfach mit dem Veröffentlichungsprozess fortzufahren, als wäre nichts gewesen, hätten dabei aber ignoriert, dass sowohl der Recherche- als auch der Schreibprozess gemeinsame waren. Außerdem hätten wir die Täterschaft selbst, unseren Umgang damit und den Effekt auf die Gruppe unsichtbar gemacht. Uns beschäftigte in dem Zusammenhang die Frage, ob es konsequent ist, gemeinsam zu arbeiten und zu forschen, dann aber bei der Veröffentlichung die Beteiligung auszublenden. 

Die Veröffentlichung unter einem Pseudonym zusammen mit dieser Stellungnahme ermöglicht es uns, transparent und ansprechbar zu sein sowie die Thematik in die Öffentlichkeit zu tragen. Wir können Kritik und Forderungen berücksichtigen und daraus entstehende Prozesse auf dieser Website aktualisieren. Da uns zum jetzigen Zeitpunkt kein Bedürfnis von betroffenen Personen nach einer Veröffentlichung des Klarnamens der gewaltausübenden Person bekannt ist, haben wir uns mit Blick auf Ressourcen und langfristige Folgen für eine anonymisierte Benennung der gewaltausübenden Person und somit auch des Forschungsteams entschieden. 

Uns als Gruppe betreffen neben der Täterschaft auch davon unabhängige Betroffenheitsthematiken im Kontext sexualisierter Gewalt. Diese haben den kollektiven Auseinandersetzungsprozess in dieser Form sichtbar gemacht und angestoßen. Die Gleichzeitigkeit dieser Perspektiven sind für eine gemeinsame Aufarbeitung unseres Gruppenprozesses jedoch auch eine zusätzliche Herausforderung.

Für uns beginnt gerade erst die Debatte darum, welche Rollen und Verantwortlichkeiten Einzelpersonen der Gruppe in einer kollektiven Auseinandersetzung mit der Täterschaft einnehmen können. Viele Fragen und Forderungen müssen erst noch durch den kontinuierlichen Prozess gestellt und geklärt werden. Fest steht, dass nach dieser Veröffentlichung sich die Forschungsgruppe in der Form, wie sie bisher existierte, auflösen wird.

Um für Kritik, Bedürfnisäußerungen und Anregungen ansprechbar zu sein, gibt es folgende Emailadresse (KritikundKontakt@protonmail.com), unter der ihr euch melden könnt. Die Emails, die dort ankommen, werden nicht von der gewaltausübenden Person gelesen.

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1 Täterschaft von sexualisierte Gewalt: Wir verwenden den Begriff der „Täterschaft sexualisierter Gewalt“ nicht im strafrechtlichen Sinne einer juristisch Verurteilung, sondern folgen dabei dem Konzept der Definitionsmacht, nach dem ausschließlich die Betroffenen darüber entscheiden ob und in welcher Weise sexualisierte Gewalt stattgefunden hat. Uns ist es wichtig mit dem Begriff der „Täterschaft“ die gewaltausübende Person nicht auf ihre Taten zu reduzieren, adressieren sie aber gleichzeitig als verantwortliche für das sexualisierte Gewalthandeln.

Wir verwenden den Begriff der „sexualisierten Gewalt“ um Machtausübungen und/oder Grenzüberschreitungen zu beschreiben die sich auf der Ebene der Sexualität materialisieren. Gemeint sind also Handlungen gegen die sexuelle Selbstbestimmung, die gegen Einverständnis der Betroffenen stattgefunden haben, oder Situationen betreffen in denen Betroffene nicht in der Lage waren ihr Einverständnis zu geben. Dies kann neben körperlichen Übergriffen auch und Gesten, Sprachakte und Blicke umfassen.


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